Der Tag, an dem Marilyn Manson bei uns einzog

Es gibt einen Moment im Leben einer Mutter, sicher auch in dem eines Vaters, in welchem man mit zweifelndem Stolz über sein Fleisch und Blut, ein Lächeln auf dem Gesicht trägt.

Wenn man nach jahrelangen Bemühungen feststellt: Hey, der Musikgeschmack deines Sohnes ist dem deinigen ziemlich ähnlich. Wow. Nix DSDS, nix ProSieben und Konsorten, Headbangen ist angesagt. Zärtlich streichelt man das Haupt des Kindes und denkt sich, dann voll mütterlichem Stolz, dass doch nicht alles umsonst gewesen sein kann, wenn das Mädchenkind schon so elendig aus der Art schlägt.

Und dann kommt der Tag, an dem Sohn sein, durch eine Ausräumaktion, hart verdientes Geld unter die Leute bringt. Noch unentschlossen stiefelt diese süße Ausgeburt an Musikgeschmack, noch unentschlossen in Richtung Nabel der Welt, nämlich unserer heimeligen Innenstadt und ist wild entschlossen, sein Bruttoeinkommen auch zu verprassen. Die Wirtschaft wird es ihm sicherlich irgendwann ein Mal danken. Man ist gewiss, dass sich Kind die, eh schon, malträtierten Sohlen seiner Turnschuhe ablaufen wird, um den höchstmöglichen Nutzen aus dem Selbst erarbeiteten zu erreichen.

Vollkommen verschwitzt, aber glücklich lächelnd und das Mutterherz mit Liebe erfüllend, erläutert Sohnemann noch lang und breit, wie günstig das Erstandene doch war und was man noch alles mit dem Rest seiner finanziellen Ausstattung erstehen kann. Zärtlichkeit macht sich im Mutterherz breit, eine Träne stiehlt sich in die Augenwinkel, die aber gleich darauf zu Eis erfriert, als das Kind, das gerade noch der Liebling war, das kleine blonde Herzchen, seine Errungenschaft aus der Tüte des einheimischen Musikdealers holt.

Marilyn Manson. Selten blieb ein liebend Mutterherz schneller und schmerzhafter stehen, als in diesem Moment. Und den entsetzten Gesichtsausdruck kommentiert Sohnkind lapidar mit: Der ist laut und gut.

Laut lässt man sich ja noch gefallen.
Aber Marilyn Manson?
Und Gut?
Der Marilyn Manson, der dem wunderbaren 80´er Jahre Hit `Tainted Love`( der damals schon geklaut war ) in seiner Interpretation so gnadenlos den Todesstoß gab?

Nun, als Elternteil, welches sich für aufgeklärt in kindlicher Entwicklungspsychologie sieht, gesteht man seinem Nachwuchs ein, dass er sich entfalten darf. Aus diesem Grund verschließt man bei den Neuerrungenschaften von DSDS, gnädig Augen, Ohren und Türen. Aber Marylin Manson? Ein „Künstler“, der sich nach einem der größten Schwerverbrecher der USA benennt? Und dessen Musik ein Schwerverbrechen an den Gehörgängen ist? SlipKnot ist schon nicht jedermanns Ding, aber wo verdammt noch mal sind die guten alten Klassiker hin? Der Hardrock, der den Namen auch verdient. Ansatzweise melodiös, ansatzweise mitgrölbar? Rhythmisch. Und nicht chaotisch, kaum erkennbar, dass es sich nicht um einen Presslufthammer handelt?

Nach einer ersten kurzen Hörprobe, einigt man sich, um des lieben und eh schon angekratzten Familienfriedens, auf folgende Punkte:
1. Marilyn Manson wird nur stückweise gehört. Ein Song, dann ist gut für den Rest des Tages
2. Marilyn Manson wird nur auf Zimmerlautstärke gehört und das auch nur bei geschlossenen Türen und Fenstern.
3. Es wird davon abgesehen, dass „Mutter sich diesen Kunstgenuss ebenfalls reinziehen“ muss.
4. Bei Zuwiderhandlung darf gepeinigtes Muttertier, den Silberling zweckentfremden.

Bis jetzt hält er sich dran.

In diesem Sinne

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