Erotische Literatur: Schmuddelkind der Branche oder …

Teil 1

Die ersten positiven Emotionen, die wir erfahren sind die, dass wir unsere Bedürfnisse nach Wärme und Liebe, nach sozialen Kontakten befriedigen können. Früh genug müssen wir dann allerdings erkennen, dass wir diese Bedürfnisse anderen Gesetzmäßigkeiten unterzuordnen haben. Erziehung, Religion und Moral setzen unserem Körperverständnis und Empfinden der eigenen Sexualität Riegel vor, die eine Entfaltung selbst innerhalb der gegebenen Parameter behindern. Unsere Körper sind im Laufe unseres Erwachsenwerdens nicht mehr als eine Hülle für Verbote, Normen, Beschränkungen und Tabus. Unsere Neugier auf uns als Menschen wird von den selbstauferlegten Gesetzen des Miteinanders zensiert. Jede Religion der Welt will uns weiß machen, dass wir nur dann die nächste höhere geistige Stufe erreichen, wenn wir in absoluter Askese leben. Körperkontakt nur zur Erhaltung der Art, aber das ist dann auch schon das Höchste an Gefühlen. Unsere Erziehung verbietet uns, uns selbst zu berühren und uns in unseren Untiefen zu erkunden. Wie lange hat sich das Gerücht gehalten, dass Onanie beim jungen Mann zur totalen Erblindung führt? Eine Studie des renommierten Kinsey-Institutes Ende der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts erwähnt sogar ein Missverhältnis bei Frauen mittleren Alters zu ihrer Sexualität.
Als Gründe nannten diese Frauen, dass sie „aufhörten zwischen Bauchnabel und Oberschenkel zu existieren“. Glücklicherweise sind diese Zeiten der weiblichen Inquisition vorbei und zumindest der weibliche Teil der Menschheit darf sich darüber freuen, dass es zur Gesunderhaltung ihres Körpers gehört, sich selbst zu befriedigen.
Wir sehen also, dass uns unsere Sexualität von vielen Stellen madig gemacht werden soll. Die Lust ist das am meisten gefürchtetste und verabscheuungswürdigste Wort der Literatur. Lust bedeutet Triebhaftigkeit, Kontrollverlust und Herrschaft des Körpers und seiner hormonellen Strukturen über den Geist. Wie aber damit umgehen?
Die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat gezeigt, dass Sex immer noch etwas ist, dass man bitte schön in trauter Zweisamkeit, hinter verschlossenen Türen oder – wenn denn schon unbedingt nötig – im Fernsehen zur Schau zu tragen hat, um sich somit der Peinlichkeit preiszugeben. Wir reden über Sex, genauso wie wir über unsere defekten Autos reden. Sex ist in der Werbung eine Alltäglichkeit geworden. Wir werden – ob wir wollen oder nicht – von Sex in allen Medien erschlagen. Es bleibt uns nur die Möglichkeit zu akzeptieren, dass wir „Tiere“ sind, die es möglichst überall, ständig, in aller Härte und ohne jedes Tabu zu tun haben. Kein Thema wird so kontrovers diskutiert, wie unser Verhalten innerhalb unserer Sexualität. Alle tun es, alle geben zu, dass sie es tun, aber keiner will es vom anderen wissen.
Das Dilemma der Sexualität. Wenn schon Sex, dann hat nur der eigene Körper – und gegebenenfalls der des jeweiligen Partners – ein Anrecht darauf.
Ein Autor – respektive eine Autorin, der/die sich der erotischen Literatur verschrieben hat, muss also mindestens pervers sein, um seine/ihre Arbeit zu erledigen. Verrucht, frivol, lasterhaft und liederlich Personen sind diese Randgruppen des Autorendaseins und bewegen sich in den Abgründen menschlicher Natur. Widerlich. Oder?
Wir erlauben uns eine gewisse Arroganz – nicht nur – gegenüber den Protagonisten in Erotika, die ihre Triebe ausleben, die ihre Urinstinkte in Form der Kopulation ausleben. Wir – als Außenstehende, als Betrachter – können von uns sagen, dass wir über den Dingen stehen und die niederen Impulse unter Kontrolle haben. Dass wir uns nicht der Fleischeslust ergeben, dass wir zivilisiert sind.
Wir können uns diese Großspurigkeit auch gegenüber unseren Verwandten – den Primaten – erlauben. Sehen wir uns doch nur die Bonobos an. Diese armseligen Geschöpfe, die es immer und immer wieder mit verschiedenen Partnern treiben. Die im Übrigen die einzigen ihrer Art sind, die es nicht nur aus Gründen der Fortpflanzung tun. Forschungen haben ergeben, dass diese Affenart es aus Spaß an der Freude macht. Wollen wir uns also wirklich auf eine Stufe mit dem Viehzeug stellen?
Dabei sehnen wir uns nach Intimität und Zweisamkeit. Nach Körpernähe und Zuneigung. Wollen unsere Bedürfnisse ausleben und mit dem Partner teilen. Aber wollen wir wirklich unsere Begierde vorgeführt bekommen? Wie einfach ist es doch da, erotische Literatur – in der all das zur Sprache kommt – in die Bäh-Ecke zu schieben.
Ist es nicht so herrlich einfach, mit dem Finger auf die zu zeigen und zu verdammen, die sich ihrem Körper bewusst sind und andere literarisch daran teilhaben lassen? Verdammen wir doch die Möglichkeit uns zu entfalten und vermuten hinter dem bösen Wort Lust von vornherein etwas Schreckliches.
Verweigern wir uns doch des Amüsements durch das Lesen der Abenteuer einer Fanny Hill oder Frau Mutzenbacher, die ungeniert ihre Wissbegierde in Bezug auf Sexualität ausleben. Schieben wir es doch gleich in die Kategorie sexueller Abnormitäten. Verwehren wir uns gegen die Köstlichkeiten eines Honoré de Balzac, der in den „Tolldreisten Geschichten“ das 19. Jahrhundert in seiner Prüderie vorführt.
Stellen wir uns moralisch über einen Casanova und verstecken so unsere Eifersucht auf sein Tun, wenn er die hübschesten jungfräulichen Körper verführt? Empfinden wir Schadenfreude, wenn derselbe Mann ein hässliches Weib ehelichen soll, damit seinem Treiben ein Ende gesetzt werden kann? Damit wir uns wieder sicher fühlen können? Empfinden wir nicht Ekel, wenn ein Marquis de Sade sich seinen Gelüsten hingibt? Fragen wir uns in solchen Fällen nicht, welches Monster in uns wohnt?
Erotische Literatur bringt all diese verwerflichen Eigenschaften zu Tage, die wir doch so angestrengt zu verbergen suchen. Erotik in der Literatur genießt Freiheiten, die wir im realen Leben nicht ausleben können, obwohl wir es tun sollten und könnten. Erotische Literatur zeigt Freiheiten auf, lädt ein zu Reisen in die eigene Fantasie. Verführt zum Träumen und zum Ausleben. Zumindest zwischen den Buchdeckeln.
Erotische Literatur kann all das. Sie kann aber noch viel mehr. Sie führt dem Leser nicht nur sein persönliches Gruselkabinett vor. Sie entführt ihn in sein Innerstes, das er aus all den bereits genannten Motiven versteckt, und erlaubt ihm die freie Entfaltung seiner Fantasie. Erotische Literatur birgt in ihrer Sprache, ihrer Vielseitigkeit der verschiedenen Spielarten innerhalb der Sexualität, unendliche Möglichkeiten aus dem Korsett der Restriktionen auszubrechen. Erotische Literatur spürt die Persönlichkeit eines Lesers auf und berührt ihn in seinem persönlichen Erfahrungsschatz, macht öffentlich, was doch privat sein sollte, und doch ermöglicht sie einen gewissen Schutz seiner Privatsphäre.
Und was hat das Alles mit dem Eingangstext zu tun? Eine – nicht repräsentative – Umfrage unter Männern und Frauen ( 15 an der Zahl ) hat ergeben, dass von diesen Personen 5 darauf tippten, dass es sich um den Verzehr einer Praline handelt, weitere 2 um eine besonders prickelnde Eiscremesorte und der überwiegende Rest war der Überzeugung, dass hier der erste vollzogene Oralverkehr beschrieben wurde. (Es wird ein Geheimnis der Autorin bleiben, was es denn nun wirklich war)
Wenn also die erotische Literatur das Schmuddelkind der Branche ist, wo gehört dann das Wort an sich hin?

Denn das Wort des Menschen ist sein Wesen (japanisches Sprichwort).
®Klarissa Klein
2012

Erschienen im

Autorenkalender 2013 der 42er

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