Erotische Literatur: Schmuddelkind der Branche …

… oder verkanntes Genre?

Sie wickelte es Stück für Stück aus und hielt es ehrfürchtig in ihren Fingern. Ihr Herz klopfte vor Aufregung schneller, ihr Mund war trocken. Langsam näherten sich ihre Lippen und sie spürte die Wärme ihres eigenen Atems an ihren Fingerspitzen. Noch nie hatte sie so etwas in Händen gehalten. Niemals an ihren Mund geführt. Zaghaft öffnete sie ihre Lippen, halb geöffnet, umschloss sie es und hielt inne. Es fühlte sich weich an, gleichzeitig von einer Härte, die dem ersten Eindruck widersprach. Es duftete verführerisch, süß und sauber, würzig und rein. Schüchtern schob sie ihre Zunge zwischen den Zähnen hervor, stieß an dieses Etwas, das sie verführen wollte und zuckte erschrocken zurück. Es war so hart und wirkte doch so zerbrechlich! Die Feuchte ihres Mundes nahm die Geschmäcker auf, ließ ihre Sinne explodieren. Sie schmeckte nicht mehr nur, sie roch, sie fühlte und sie war dieses halbrunde Etwas, das sie gedachte zu probieren. Mutiger stieß sie nun mit der Zunge an dieses raue und doch so zarte Ding zwischen ihren Fingern und es schien, als durchbräche sie damit eine Schale. Über ihre Lippen ergoss sich flüssige Wärme – wenig nur, doch ganz bestimmt vorhanden – gewürzt mit Schärfe, ein wenig Bitternis und auch Süße schmeckte sie dort. Erstaunt stellte sie fest, dass es rund schmeckte. Wie auch immer man dieses Rund für sich definieren wollte. Für sie war es rund, satt und voll. Sie führte das Etwas tiefer in ihren Mund und die zarte, raue Schale mit dem weichen Kern gab ihren Empfindungen einen Namen. Lust. Tiefe, ehrlich empfundene Lust und das Verlangen sich dieses Vergnügen zu gönnen. Immer tiefer erforschte dieses Etwas die Tiefen ihres Mundes, stieß an ihren Gaumen, kitzelte sie dort und ließ sie aufseufzen. Die Verlockung es zu umschließen, zu ihrem Vergnügen zu machen, erfüllte sie mit Freude.

Die Erotik spricht – im Gegensatz zu allen anderen Genres der Literatur – alle unsere Bedürfnisse an. Im Guten, wie auch im Negativen. Hass und Liebe, Gunst ebenso wie Missgunst. Gier und Gönnerhaftigkeit. Sie spielt mit unserer Erziehung, unseren Moralvorstellungen und unserem gesellschaftlichen Status. Ein Buch mit erotischem Inhalt zu lesen heißt, dass man es nicht einfach weglegt und sagt: Ende. Ein Buch mit erotischer Literatur arbeitet in uns weiter. Es spielt mit unseren Wünschen, ob wir diese kennen oder im Unterbewusstsein verborgen halten. Sie macht sich an unserer Erziehung zu schaffen, setzt uns Grenzen, die wir durchbrechen wollen oder aus Angst vor dem dahinter, zurückschrecken lassen. Die erotische Literatur beschäftigt uns im Nachhinein mehr, als wir uns eingestehen wollen. Welcher Krimi kann dies schon von sich behaupten? Verfolgt uns ein Kommissar in unsere Träume? Werden wir unterbewusst zu Mördern, weil uns ein Roman inspiriert? Wohl kaum. Aber ein gelesener Orgasmus, ein Stell-Dich-Ein zweier Liebender, ein beschriebener Kuss, der einem den Atem raubt obwohl man ihn nicht persönlich erhält: Das ist wahre Schreibkunst und verfolgt uns in alle Teile unseres Lebens. Es prägt uns – in unserer Erwartungshaltung.
Gleichgültig in welcher verbalen Kategorie sich die erotische Schreibkunst präsentiert, immer führt sie uns vor Augen, dass wir Voyeure sind, die sich dabei erwischt fühlen, ein Paar beim Liebesspiel zu beobachten. Und genau wie wir unsere voyeuristische Ader bei einem schweren Verkehrsunfall nicht oder nur schwer zügeln können, bleiben wir in der Erotik hinter dem Vorhang versteckt und erleben doch alles mit.

Uns wird vorgeführt, welche menschlichen Verfehlungen wir mit uns herum tragen. Eifersucht, Neid, Ressentiments, Missgunst erleben wir, wenn wir erkennen, dass die beschriebenen Protagonisten etwas besitzen, das wir – unter Umständen – niemals erfahren dürfen. Gier, Wollust, Leidenschaft, Wohlgefühl, Sinnlichkeit und Vergnügen teilen wir in den Zeilen einer erotischen Geschichte und erleben uns in unserer eigenen Lust. Und doch empfinden wir Scham. Scham darüber, dass es uns gefällt oder dass wir uns eben dabei ertappen, ertappt zu werden.

Dabei sind all diese Gefühle, die wir beim Lesen empfinden, die ur-menschlichsten und uns von Geburt an mitgegeben. Sie sind so existenziell wie das Atmen.

Ende Teil 1.
©Klarissa Klein … 2011

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