Offener Brief – ob´s was bringt?

Sehr geehrter Herr Jeff Bezos,

in den letzten Wochen und Monaten erreichten Sie eine Reihe von offenen Briefen. Diese kursierten wohlmöglich zunächst im Internet, bevor die Schreiben Ihren Schreibtisch erreichten.

Da es daraufhin aus Ihrer Firma, die ich als Privatkundin sehr schätze, auch einmal Reaktionen gab, die über eine Standardmail hinausgingen, versuche ich es nun auch auf diesem Weg.

Mein berufliches Dasein bestreite ich als Schriftstellerin. Richtig: Nicht als Autorin, sondern als Schriftstellerin. Ich nutze als Solche Ihr Angebot einige meiner Romane und Novellen auf Ihrem Portal KPD einzustellen, aber nicht nur das.

Viele meiner Bücher sind auch in echten wirklichen Verlagen erschienen. Teils als Printversion, teils als Ebook. Diese Unterscheidung muss ich leider machen, denn aufgrund der Flut von Selfpublishern, die ihre Machwerke auf Ihrem Portal unter das lesende Volk bringen, habe ich mit einer Kategorisierung zu kämpfen, die mir manchmal schlaflose Nächte verursacht. Und zum großen Teil tragen Sie die Schuld daran.

Meine Romane und Novellen sind Geschichten aus dem erotischen Genre. Sie spielen im zwischenmenschlichen Bereich. Meine Figuren stehen sich auf persönlicher Ebene sehr nahe. Na? Fällt Ihnen schon was auf? Nein?
Ich helfe Ihnen.

Laut Wikipedia – oder auch dem Duden oder dem Brockhaus – bezeichnet man die Erotik als sinnliche Liebe, die den geistig-seelischen ebenso wie den körperlichen Bereich umfasst, in allen ihren Erscheinungsformen.

Ich weiß, das ist schwer zu verstehen. Vor allem, wenn man sich das Angebot auf Ihrem Portal ansieht.

Knapp 90 % – und dies ist wirklich sehr wohlwollend geschätzt – Ihres Angebotes ist reine Pornographie. Und das müssten selbst Sie als Amerikaner verstehen, dass Porno und Erotik diverse Merkmale haben, die sich schon vom Gedanken her, weit abgrenzen. (Natürlich könnte ich Ihnen nun Beispiele dafür aufzeigen, aber Sie mögen bitte entschuldigen: Das Zeugs fasse ich nicht mal mit der Zange an.)

Also: Ihre prüde Moralvorstellung, die Sie in den USA zu haben pflegen in allen Ehren, wenn diese auch in vielen Dingen nicht nachvollziehbar ist und sich gerade in Ihrem Heimatland eine Subkultur – gerade im Bereich der Literatur vollzogen hat, die uns Europäer staunen lässt – aber wir sind hier in Europa und wir wissen, wovon wir reden.

Um es mit einem Ihrer größten Schriftsteller zu sagen:

Moral, die: Das, was dem örtlichen und veränderlichen Standard dessen entspricht, was richtig und gerecht ist. Das, was die Qualität allgemeiner Zweckdienlichkeit besitzt.
„Fern im Osten lieget eine Gipfelketten, zu deren einer Seiten ein gewisses Verhalten als unmoralisch geltet, doch auf der anderen Seiten selbiges in hoher Achtung gehalten wird, was dem Berg-Bewohner sehr frommet, denn er vermag zur einen oder anderen Seiten hinabzusteigen, wie ihm gerade beliebet, ohne daran Anstoß zu erregen.“ (Gookes Meditationen)

„Aus dem Wörterbuch des Teufels“ Ambrose Bierce

Die Asiaten haben Euch Geschichten aus dem Kamasutra geschenkt, die Orientalen die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“, die Europäer Balzac, Boccacio und Casanova. Um nur einige Beispiele zu nennen. Sogar die Psychologie hat sich mit diesem Thema beschäftigt, die dann auch Einzug in die Studien der amerikanischen Universitäten, Einzug gehalten hat.

Aber Sie – sehr geehrter Herr Bezos – sind mit Ihren Angestellten nicht in der Lage, zu unterscheiden.
Im Gegenteil: Sie stempeln intern Schriftsteller mit einem „adult flag“ ab.
Konsequenterweise müssten Sie dann auch hingehen und die fünf Euro für einen FSK-18-Versand verlangen. Tun Sie aber nicht. Nein, Sie schmeißen nur alle Schriftsteller mit diesen Autoren in einen Sack und warten darauf … ja worauf eigentlich?

Worauf Sie warten ist mir ziemlich Schnuppe.

Worauf ich händeringend warte, werde ich Ihnen jetzt sagen:

Lesen Sie bitte erst die Bücher der Schriftsteller, die SIE brandmarken.

Seitdem SIE mir IHRE Moralvorstellungen auf meine Bücher gedruckt haben, finden meine Leser mich nicht mehr. Und Sie brandmarken nicht nur mich: Auch meine Leser werden in eine Ecke gedrängt, die sie niemals betreten würden.

Das bedeutet, dass SIE sich ins eigene Fleisch schneiden.
Denn wenn meine Leser mich nicht mehr finden, erhalten SIE und IHRE Angestellten keine Gebühren mehr von mir.

Gut: Eine Entlassungswelle an deutschen Amazon-Angestellten ist nun nicht zu erwarten, wenn gerade meine Gebühren flöten gehen.

Aber ein Imageschaden – und Ihr Image ist doch in letzter Zeit eh schon etwas angeknackst? – wird für SIE bleiben.
Weil Sie mit zweierlei Maß messen und dieses Maß für niemanden nachvollziehbar ist.

Weil Sie anscheinend der Sprache nicht mächtig sind, derer Sie sich in IHREN Standardmails bedienen.

Ich hoffe auf Ihr Einsehen, meine Werke nicht mehr zu brandmarken und darauf, dass Sie in Ihrem Laden mal ordentlich aufräumen.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen

Klarissa Klein
(Ana Riba und Isadorra Ewans in Personalunion)

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