Die Katze im heißen Sand

1.

Irgendwann war er da. Saß zwischen zwei Dünen und sah zu mir herüber.
Ob er an diesem Tag das erste Mal dort saß, wusste ich nicht. Ich hatte ihn jedenfalls vorher nicht bemerkt. Und so, wie er dort saß, ließ er mich in dem Glauben, dass er die Gegend gut kannte.
Hier draußen kam sonst kaum jemand vorbei. Aus diesem Grund habe ich das Grundstück mit dem alten Transformatorenhäuschen darauf ja auch gekauft. Es gibt zwar eine Zufahrtsstraße, die eigentlich ein besserer Feldweg ist, aber eben nicht mehr. Die Hauptstraße liegt sogar außerhalb meiner Hörweite. Nicht einmal der Pizzadienst kennt diesen Weg und manchmal glaube ich, dass auch der Postbote ortsfremd ist. Ich muss einmal in der Woche runter ins Dorf fahren, um meine Briefe und Pakete zu holen. Und in den ersten Wochen sah mich die Dame am Schalter an, als wäre ich ein Geist.
Außer an diesen Tagen, in denen ich mir im Café du Port einen grand creme genehmige, sehe ich also niemanden. Die Sommertouristen zähle ich nicht mit. Auch wenn die glauben, dass sie durch die Dünen schneller zu ihren Autos kommen, und dann mehr oder weniger entsetzt feststellen müssen, dass sie vor einem Zaun stehen, der sie am Weitergehen hindert. Im Herbst und Winter ist es hier so einsam, dass ich manchmal meinen eigenen Puls hören kann.
Er saß ein paar Stunden dort und beobachtete mich. Irgendwann stand er auf, reckte sich und verschwand. Es dunkelte bereits, noch hatten wir März. In dieser Jahreszeit fiel die Nacht wie ein Vorhang über den Strand. Innerhalb von ein paar Minuten war es stockfinster und ich konnte die Lichter der Schiffe auf dem Meer sehen, die in Richtung Kanal fuhren. Manchmal dachte ich darüber nach, ob die Seemänner das Licht in meinen Fenstern sehen konnten. Dort draußen. Manchmal frage ich mich das, während ich auf meinen Herzschlag lausche.
Ich war nie ein Einsiedler, nein. Sicherlich nicht. Zwar auch kein Partygirl, aber ich hab’ nicht viel ausgelassen in meinem früheren Leben. Doch dann kam dieses verfluchte letzte Jahr, das für mich ein paar Arschtritte parat hatte. Nie hätte ich mich für emotional labil gehalten. Aber neben dem beruflichen Stress, den ich eigentlich immer als sehr positiv empfand, der mich jedoch körperlich mehr mitnahm, als ich es je für möglich gehalten hatte.
Viel zu viel für ein Leben, dass ich nun alleine leben musste. Ich hatte Verluste zu verkraften, die ich mir hatte vorstellen können. Als Erster ging mein Vater. Unerwartet, unsinnig, urplötzlich und im Endeffekt eine Geschichte, wie sie nur das Schicksal schreiben kann. Märchenhaft und grotesk. Oder grotesk märchenhaft. Er hatte sich am Tag seines Todes ein Lotterielos gekauft, es in sein braunes Herren-Portemonnaie gesteckt, und war dann über die Straße gegangen, wo ihn ein LKW erfasste. Er starb in dem Augenblick, als sein Los den Jackpot knackte. Ein groteskes Märchen eben. Mein Vater hatte sich für mich immer ein ruhiges kleines Leben gewünscht. Eines, in der Zufriedenheit seinen Platz hatte. Meine eigene. Nicht die, der Shareholder. Ich erbte das Los aus seinem braunen Herren-Portemonnaie, kündigte meinen Job als Brokerin in einer Londoner Investmentfirma, und ging. Dass ich dabei nicht nur meinen Beruf hinter mir ließ, sondern auch gleich meine Beziehung, war da schon nebensächlich.
Ich ging fort. Suchte mir einen Ort, der nur mir gehören sollte. Keine Besucher, kein Fernsehen, ab und an mal eine Radiosendung. Kein Festnetz, nur ein beinahe altertümlich anmutendes Handy, dass ich auch nur dann einschaltete, wenn mir danach war. Für ein paar geschäftliche Dinge habe ich mir einen Internetzugang zugelegt, den ich aber ebenfalls kaum nutze. Die Welt da draußen ist mir zu laut. Ich vermisse sie nicht und ich tue alles, damit sie mich nicht vermisst. Mein Märchen sollte sich endlich als wahr erweisen.
Mein neues Zuhause war ein altes Transformatorgebäude in Strandnähe. In den Zeiten, in denen noch nicht alles vom Computer beherrscht wurde, mussten Stromschwankungen noch manuell ausgeglichen werden und so standen diese seltsamen Gebäude immer in der Nähe eines Umspannwerkes. Mein neues, altes Haus hatte einen Wohnraum und einen dreistöckigen Turm. Auf jeder Etage gab es ein Zimmer, das ich nach und nach meinen Vorstellungen einrichtete. Mir fehlte es an nichts. Außer an meinem Vater und meinem Freund, der jetzt Ex-Freund war. Und ich wusste genau, welcher Verlust der größere war.
***
Besonders beeindruckend war seine Erscheinung kurz vor Sonnenuntergang. Dann wirkte er größer, beinahe bedrohlich. Wenn er seinen Kopf bewegte, wurden seine Schatten länger und er sah aus, wie eine Tuschezeichnung von Batman. Er kam gegen Mittag, blieb immer nur ein paar Stunden, dann trollte er sich. Ich wusste nicht, wohin er ging. Oder woher er kam.
Das, was ich von ihm sehen konnte, zeigte mir einen roten Kater, der sehr schlank war. Nicht abgemagert; schlank eben. Sein Fell glänzte in der Sonne. Er schien gesund und munter zu sein. Wahrscheinlich ein Streuner, der nur tagsüber seine Spaziergänge in den Dünen machte, um dann am Abend seinen Platz am Kamin einzufordern. Zumindest machte der kleine Kerl keinen verwahrlosten Eindruck. Füttere nie eine fremde Katze, unterdrückte ich meinen ersten Impuls ihm eine Schale mit Milch oder ein Stückchen vom Fisch, den ich zu Mittag hatte, hinzustellen. Aber er schien nicht hungrig, nur neugierig.
Manchmal glaubte ich, dass er mich auffordern wollte, dass ich mich zu ihm setzte. Wenn seine Schwanzspitze auf und ab schlug, wenn er seinen Kopf neigte und sich wie beiläufig säuberte. Aber es vergingen Tage, bis ich mich dazu entschloss, von meiner Bank vor meinem Haus aufzustehen, langsam hinüber zur Düne zu gehen. Aus der Nähe war er noch viel hübscher anzusehen. Er hatte eine wundervolle Zeichnung um die grünen Augen, sein Maul war heller als der Rest des gestreiften Körpers und diese Schattierungen verliehen ihm eine besondere Mimik. Ich blieb neben ihm stehen und er blickte zu mir herauf, maunzte gelangweilt, drehte sich um und ging hinunter zum Strand. Ab und an blieb er stehen, als würde er auf mich warten. Also folgte ich ihm. Der Wind blies uns um die Nasen, aber es störte ihn nicht. Er schien das wohl zu kennen, dachte ich, denn er lief immer weiter. Auch als seine Pfoten in die Nähe der kleineren Ausläufer von sich verlaufenen Wellen am Strand kamen und somit nass wurden, schien ihn das nicht zu stören. Im Gegenteil: Manchmal hockte er sich hin und spielte mit den kleinen Pfützen. Ihn zu beobachten tat mir gut. Ich spürte, dass er mir guttat, dass mir sein Besuch Freude bereitete.

***

Von da an gingen wir jeden Tag spazieren. Er erschien zwischen den Dünen, legte den Kopf schief, gerade so als würde er mich auffordern endlich zu kommen, und ich holte ihn ab. Wir gingen in Richtung der Felsen, ein paar hundert Meter nur, dann drehte er um, hielt unseren Spaziergang für beendet und ich folgte ihm zurück. Zwischen den Dünen trennten sich unsere Wege und er hob zum Abschied die Pfote. So schien es zumindest. Er verließ mich erst, nachdem er sich vergewissert hatte, dass ich das Haus betreten hatte. Woher ich das wusste? Ich, für meine Person, konnte ihn vom Küchenfenster her beobachten. Er wartete einen Augenblick, dann drehte er sich um und trollte sich. Wohin er auch immer gehen mochte.
Mein seltsamer Besucher und ich spielten dieses Spiel ein paar Wochen lang. Bis der Sommer kam und mit ihm die Touristen. Es schien, als würde es ihm am Strand zu laut, zu unruhig werden. Denn eines Abends blieb er nicht in den Dünen stehen, sondern ging mit mir zum Haus. Ich war erstaunt und gleichzeitig erfreut. Bisher hatte er keine Anstalten gemacht, sich meinem Haus zu nähern. Doch an diesem einen, besonderen Abend folgte er mir, wartete auf der Fußmatte, bis ich die Tür geöffnet hatte, und stolzierte ins Haus, als hätte er noch nie etwas Anderes gemacht.
Er sah sich um, fand sofort seinen Lieblingsplatz am Fenster, in der Nähe eines Kamins, und blieb. In meinem gebrochenem Französisch fragte ich im Dorf nach einem möglichen Besitzer, doch ich hatte nicht mit der eigenartigen Tierliebe der Franzosen gerechnet. Hunde gingen so gerade noch, aber eine streunende Katze, die nur zum Mäusefangen gut war, war ihnen herzlich egal. Trotzdem befürchtete ich, ja, bereits nach wenigen Tagen hatte ich Angst ihn zu verlieren, dass er nur für kurze Zeit mein Mitbewohner war.

***
Meine Post hole ich immer freitags aus der Poststelle unten am Hafen ab. Für gewöhnlich ist immer eine große Sendung mit Büchern dabei, die im Laufe der Woche bestellt habe. Manchmal habe ich schreckliche Angst, dass mir der Lesestoff ausgehen könnte. Ich halte mich an meine eigenen Vorgaben, das Internet oder mein Telefon nur in absoluten Notfällen zu nutzen. Und ein leerer Bücherschrank ist ein absoluter Notfall. Die Dame hinter dem Schalter sieht mich jedes Mal ziemlich pikiert an, wenn ich meine Post hole. Ich glaube, ich bin die Einzige hier im Ort, die ihre Sendungen postlagernd schickt, und somit hat die Dame einiges zu tun. Mittlerweile kenne ich auch ihren Namen. Mme Sylvie Legrand. Mit meinen miserablen Sprachkenntnissen trieb ich Madame für gewöhnlich in den Wahnsinn und es gab Momente, in denen sie arg an ihrer Höflichkeit arbeiten musste. Jedenfalls sprach ihr Gesichtsausdruck meist Bände, wenn sie mich sah.
Der Rote hingegen freute sich auf diesen für ihn so wichtigen Termin. Als Kater fuhr er erstaunlich gerne mit dem Auto. Während der Fahrt stand er auf dem Beifahrersitz, sah zum Fenster hinaus. Mussten wir an Ampeln halten, setzte er sich auf meinen Schoß und legte die Vorderläufe auf das Lenkrad. Wollten wir dann abbiegen, sah es so aus, als würde er das Lenkrad selbstständig drehen. Wie viele Fußgänger bei unserem Anblick verwundert stehen blieben und sich die Augen rieben, kann ich nicht mehr zählen.
Doch sobald ich vor der Post anhielt, den Motor ausstellte, setzte er sich wieder auf den Beifahrersitz und sah mich mit einem Blick an, als wenn er sagen wollte, dass ich die Pakete alleine schleppen durfte. Er schickte dann noch ein energisches Miau hinterher, weil er wohl endlich seine Kartons haben wollte.
Nachdem ich nach der Sache mit meinem Vater und dem Los wieder einen klaren Kopf hatte, suchte ich mir einen Anwalt und Notar. Ich fand einen in meiner damaligen Nachbarschaft. Ich beauftragte Hector Sands für zwei Aufgaben. Er sollte alle meine finanziellen Angelegenheiten regeln, so wie mir die Leute vom Hals, die meinten, ein Anrecht auf ein Stück vom Kuchen meines Vaters zu haben. Die Leiche meines Vaters war noch nicht kalt und unter der Erde, da tauchten bereits Verwandte auf, von denen ich nie etwas gehört hatte. Die aber eine Penetranz an den Tag legten, die ihresgleichen suchte. Hätte ich zu der Zeit noch Unterstützung durch meinen damaligen Freund bekommen, wäre ich vielleicht in der Lage gewesen, dieser Penetranz mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch entgegen zu treten. Hatte ich aber nicht. Deshalb war Hector meine erste Wahl. Als Anwalt schien er nicht besonders wählerisch zu sein, was seine Klientel anging. In seinem Büro gaben sich Nutten und Drogendealer die Klinke in die Hand. Er sollte mich nur vor den Aasgeiern abschirmen. Und ich glaubte zu wissen, dass er das mit seinen bisherigen gerichtlichen Angelegenheiten durchaus konnte. Hector war nicht begeistert, dass ich ins Ausland gehen wollte. «So kann ich Dich nicht erreichen», nölte er stundenlang, aber ich ließ mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. So biss er zwangsweise in den sauren Apfel und schickte mir mal eine Mail, meist aber kleinere Umschläge mit Infos zu Dingen, die unbedingt erledigt werden sollten. Mir waren die Pakete mit den Büchern lieber, aber ich konnte mich nicht ganz von dem verabschieden, was mir die Möglichkeit gab, unterzutauchen. Mein Erbe.
Dem Roten war es egal. Er mochte nicht nur die Kartons. Er fand auch Hectors Umschläge äußerst spannend. Natürlich jeweils erst, nachdem ich beide gelehrt hatte. Dann tobte mein Mitbewohner wie von der Tarantel gestochen durch den Raum; schubste den Karton über die Holzdielen, sprang hinein, versteckte sich und sprang wieder hinaus. Manchmal biss er in die Umschläge, schleppte sie wie kleine Kitten, warf sie in die Kartons oder Schachteln, und fand das alles ganz spannend. Wer brauchte schon einen Fernseher, wenn er ein solches Abendprogramm geboten bekam?
Dass er sich von mir nur selten anfassen ließ – meist, wenn ich ihn von irgendetwas für Katzen Gefährlichem wegholen musste – machte mir ein wenig zu schaffen. Ich entwickelte eine Sehnsucht nach diesem roten Vieh, die ich von mir nicht kannte. Ich wünschte mir, dass er zu mir kam und mich so sehr brauchte, wie ich ihn. Er war zwar immer in meiner Nähe, beobachtete mich, bettelte mich um Futter und Leckerchen an; doch das war nicht das, was ich von einer Mensch-Katze-Beziehung erwartete. Ich wollte ihn streicheln, verwöhnen und mich in meinem zeitweise aufkommenden Kummer in ihm verlieren. Wollte meine Nase in sein Fell stecken, wollte, dass er sein Köpfchen an meiner Hand rieb.
Aber dieses kleine rote männliche Luder ließ nichts dergleichen zu. Ich musste also eine schwere Lektion lernen: Er war der Boss und er bestimmte, ab wann er mir zugeneigt war. Deshalb beschloss ich, einfach die Momente zu genießen, in denen er – meist so einen halben Meter entfernt – bei mir war und mir zusah. Ich war nun beinahe achtundzwanzig Jahre alt und schon auf dem besten Wege eine „Cat-Lady“ zu werden. Eine verdammte „Strange Cat-Lady“. Ich redete mit ihm, unterhielt mich mit ihm und wartete auf seine Reaktion. Unglaublich, aber wahr: Ich bekam sie. Ob sie mir in den Kram passte? Manchmal. Meist entlockte sie mir ein wissendes Schmunzeln. Ich war auf dem besten Wege irre zu werden und ich hatte verdammten Spaß daran.
An diesem Freitag lag auf den ganzen Briefen, zu denen ich meine Kommentare abgeben sollte, noch eine persönliche Nachricht von Hector obenauf. Ich solle endlich meinen verdammten Arsch hochbekommen, mir ein vernünftiges Nachrichtensystem anschaffen und um Gottes Willen erreichbar sein. Mir rutschte das Herz in die Hose und das spürte sogar mein roter Mitbewohner. Mitten in seiner Rutschpartie über das Parkett hielt er inne, sah mich fragend an. «Die Welt will mich», sagte ich leise und er schnaubte verächtlich. Roter setzte sich hin, beobachtete mich, während ich die Briefe durchging, die mir Hector schickte. Als ich aufstand, um mein Telefon zu holen, folgte er mir mit seinem Blick. Ich weiß, dass ich es mir nur einbildete, aber mein schnurrender Mitbewohner wirkte besorgt.
«Meine Güte», sagte Hector, «endlich. Du bist schwerer zu erreichen, als der Papst.» Ich grinste schräg und war froh, dass er es nicht sehen konnte. «Was macht das Geschäft», fragte ich ihn stattdessen und er grunzte. «Meine einzige Klientin ist sturer als ein Bock», antwortete er, »noch Fragen?» Innerlich schüttelte ich den Kopf. Natürlich hatte ich keine Fragen. Ich wollte nicht fragen, denn sonst hätte ich mich mit dem Mist dort draußen beschäftigen müssen.
«Was kann ich für Dich tun?», fragte ich stattdessen, in der Hoffnung, dass er nicht auf sein Schreiben einging. Aber hey, wenn jemand in diesem Augenblick noch falscher liegen konnte, als ich, dann sollte der sich melden.
«Du bekommst Besuch», sagte er und ich stöhnte innerlich auf.
«Muss das sein?»
«Ja», gab er knapp zur Antwort und machte eine bedeutungsschwere Pause.
«Hector?», hakte ich nach. Ich hörte sein seufzen, dann räusperte er sich.
«Ich hab’ hier einen Aspiranten auf Dein Erbe, bei dem es nicht so leicht ist, ihn mit einer Verleumdungsklage vom Tisch zu wischen.»
«Ich habe keine Verwandten mehr», sagte ich bestimmt und mit dem Unterton der Gewissheit. Es gab nur mich. Mein Vater hatte keine Geschwister, meine Mutter, die starb, als ich zwanzig war, ebenso wenig, und ich hatte ebenfalls keine Blutsverwandten mehr. «Was macht Dich so sicher?»
Eine Pause entstand, in der ich Gelegenheit hatte, den Roten zu betrachten. Ein klein wenig beneidete ich ihn. Seine größte Freude waren Pappkartons. An Einfachheit nicht zu übertreffen. Roter brauchte nicht viel: Einen vollen Napf, einen bequemen Schlafplatz, jemanden – also mich, der sich um ihn sorgte. Denn trotz seiner Weigerung, sich von mir anfassen, gar streicheln zu lassen, glaubte ich, nein, war ich der festen Überzeugung, dass er sich bei mir wohl fühlte.
Mein Blick ging vom Roten hinüber zum Erkerfenster. Ein Schatten ließ mich innehalten. Auch, dass Hector für dieses Gespräch so lange Pausen einlegte. «Wer ist das», fragte ich, obwohl ich die Antwort nicht hören wollte und weil ich sie obendrein eh kannte. Es war jemand, der sich an meiner Trauer und dem dazugehörigen Reichtum, laben wollte. Dieser Jemand hatte die Zeitungsberichte gelesen und glaubte, ich wäre ein leichtes Opfer. Hector wusste das. Ich wusste das. Und trotzdem versuchten es immer wieder Leute. Ungerechtfertigter Weise, wohlgemerkt. Irgendwann kamen wir auf die Idee, eine Probe mit Genmaterial bei einem Institut zu hinterlegen. Es ermöglichte mir, in Deckung zu bleiben, und Hector, etwaige Aspiranten von vornherein zu eliminieren. Dass er dieses Mal besorgt klang, machte mich nervös. «Ich habe Dir jemanden geschickt. Er ist absolut vertrauenswürdig …» Ich verdrehte die Augen. Wer hier vertrauenswürdig war, entschied immer noch ich. Ich verließ mich da auf tierische Hilfe. Der Rote hatte schon ganz andere Leute von meinem Zaun vertrieben.
Der Schatten bewegte sich. «Wann soll Dein Jemand kommen?», fragte ich angespannt. «Er müsste gleich da sein», behauptete Hector.
«Beschreib ihn mir.»
«Eins Achtzig, dunkle Haare, Vollbart und er wird einen Koffer tragen.» Der Schatten nahm Gestalt an. Trotzdem wollte ich noch nicht klein beigeben. «Ein paar Infos mehr, wären hilfreich.» So leicht wollte ich Hector nicht von der Angel lassen. Dazu war seine Beschreibung zu allgemein. «Name?», forderte ich ihn auf. Schmunzelnd hörte ich, wie Hector in den Hörer grunzte. «Arthur, Dylan Arthur. Er wird Dir unaufgefordert seinen Ausweis zeigen. Ich weiß doch, was Du für eine paranoide Zicke bist.» Ich lachte leise. Es gab nicht viele Menschen, die mich beleidigen durften. Hector gehörte jedoch in diesen kleinen Kreis. Zumal er ja vollkommen im Recht war.
«Er steht vor der Tür», sagte ich, «ich melde mich.»

***
Der Mann stand unschlüssig im Hof vor meinem Haus. Er wirkte nicht wie ein Anwalt, eher wie ein schottischer Naturbursche, den man gezwungen hatte, seinen Kilt gegen einen Anzug zu tauschen. Zwar zog er nicht ständig an seinem Hemdkragen, doch wie er dort stand, sich dann in Bewegung setzten, um kurz darauf wieder stehen zu bleiben, sprach Bände. Er zückte ein Telefon aus seinem Jackett, stellte eine dunkelbraune Lederumhängetasche auf den Boden. Zaudernd sah er auf das Display. Wartete er auf einen Anruf oder konnte er sich nicht dazu entschließen jemanden anzurufen.
Etwas raschelte neben mir. Roter hatte sich dazu entschlossen, ein wenig Neugier an den Tag zu legen und war von seinem Platz am Kamin zu mir herübergeschlichen. Nun saß er auf dem Sideboard vor dem Fenster, reckte sich ein wenig und schien darüber nachzudenken, was er von dem Besucher halten sollte. Fragend sah er zu mir hoch. «Ich weiß es auch nicht», sagte ich leise. Mir war nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich den Fremden in meine vier Wände lassen sollte. Auch wenn Hector hundertmal bestätigte, dass dieser Mann dort draußen vertrauenswürdig war. In den letzten Jahren hatte ich gelernt skeptisch neuen Bekanntschaften gegenüber zu sein.
Plötzlich erklang laute Dudelsackmusik. Die schottische Nationalhymne. Also lag ich mit dem schottischen Naturburschen gar nicht so verkehrt, dachte ich schmunzelnd. Roter fand den Lärm aus dem Handy weniger amüsant, fauchte kurz und verzog sich mit aufgestelltem Fell. «Dann werde ich mal Wasser für einen ordentlichen Tee aufsetzen», sagte ich leise zu mir selbst. Der Fremde im Hof nahm derweil sein Gespräch an und sah immer wieder zu meinem Fenster. Er nickte in dem Moment, als ich den Gasherd anstellte. Kurz darauf stand er auf der Matte. Noch bevor er klopfen konnte, öffnete ich.
Er stand mit erhobener Faust vor mir. «Ms Linnette Corey?», fragte er überrascht. Ich verzog nur amüsiert das Gesicht, dann öffnete ich die Tür ein Stückchen mehr und trat zur Seite. «Sie wollen meinen Ausweis nicht sehen?», fragte er nicht weniger überrascht. Ich schüttelte sachte den Kopf. «Hector neigt zu Übertreibungen», gab ich zur Antwort. «Tee?» Er hatte sich noch keinen Schritt hereingewagt. Jetzt schien er aus seiner Schockstarre aufzuwachen, nickte und während er den Kopf einzog, um ihn sich nicht am niedrigen Türrahmen zu stoßen, trat er ein. «Gerne», sagte er und sah sich um. Ich ging an ihm vorbei in die Küche und er folgte mir langsam. «Schön haben Sie es hier.» Mittlerweile war ich am Herd angekommen und weil ich ihm den Rücken zugewandt hatte, musste ich mich nun umdrehen. «Sind Sie Innenarchitekt?», fragte ich ihn. Irgendwie war seine Hilflosigkeit niedlich. «Nein», gab er unumwunden zu, «nur nicht besonders gut im Smalltalk.» Die Teeblätter rieselten leise in die Kanne. Ich konnte das Geräusch gut hören, so still war es in meiner Küche. Das leichte Unwohlsein kam wieder hoch. Da gab es doch noch etwas, weswegen er hier war. «Mr Arthur…», begann ich, während ich das Wasser einschenkte, aber er unterbrach mich. «Dylan, nennen Sie mich Dylan.» Ich nickte, sah mich kurz zu ihm um und lächelte. «Also gut: Dylan.» Ich schwenkte die Teekanne sachte und sah dabei zu, wie sich das heiße Wasser dunkler färbte. Wenn man alleine lebt, lernt man den Moment der Bewegung und der Veränderung zu schätzen. «Hector sagte mir, Sie hätte ein paar wichtige Dokumente?»
Er atmete heftig aus. «Wissen Sie, warum ich hier bin? Es klingt nicht so, als wüssten Sie worum es geht.» Ich stellte die Kanne etwas heftiger auf der Anrichte ab, als ich es beabsichtigte. Der Laut ließ uns beide zusammenzucken. Jetzt ist wohl der Moment gekommen, ein wenig nervös zu werden. Ich schüttel sacht den Kopf. «Nicht genau», gebe ich ehrlich zur Antwort. «Nur, dass es mal wieder um Geld geht.»
Dylan schmunzelt. «Ja, irgendwie geht es auch um Geld, aber hauptsächlich erst einmal um jemanden, den Sie gut kennen.» Er stellt seine Tasche auf meinem Küchentisch ab. «Passt farblich ganz gut», denke ich und wundere mich über mich selbst. Peinlich berührt stelle ich zwei Tassen auf den Tisch. Peinlich, weil ich merke, dass ich wie paralysiert auf den Tisch gestarrt habe. Mit zwei Schritten bin ich am Kühlschrank. «Habe ich überhaupt noch Sahne», frage ich mich in Gedanken, «was für eine Gastgeberin bist du, wenn du keine Sahne für den Tee hast?» Der Inhalt des Kühlschranks erfordert meine gesamte Konzentration, trotzdem höre ich, wie er seine Ledertasche öffnet und einige Dokumente hervorholt. Sofort sind meine Hände feucht und die kleine Kanne mit der Sahne rutscht mir trotz der Kälte ihm Kühlschrank fast aus den Händen. Ich sehe Dylan an, versuche in seinem Gesicht zu lesen, worum es geht. Aber entweder er hat seine Züge unter Kontrolle und ist somit besser, als im Smalltalk, oder aber …
«Zucker steht neben Ihnen», sage ich verlegen. Ich bekomme es mit der Angst zu tun und ich kann es nicht mehr verbergen, als es im Vorraum der Küche plötzlich ein platschendes Geräusch gibt. Wir zucken beide zusammen, dann muss ich lachen. «Mein Kater», sage ich entschuldigend, als Roter auch schon wie von der Kavallerie in die Küche marschiert, vor meinem Besucher stehen bleibt, ihn kurz fixiert, um dann mit einem riesigen Satz auf dem Küchentisch zu landen. «Hat wohl die Kühlschranktür gehört», sage ich, nehme ein Schälchen vom Regal und schenke ihm etwas von der Sahne ein. Dylan tritt einen Schritt zurück. «Oh ha», denke ich, «ein Katzenphobiker.»
Doch wie sehr ich irre, sehe ich im nächsten Augenblick. «Ein Hübscher», sagt Dylan nachdenklich, hebt die Hand, lässt Roter schnuppern, und als der sich gnädig zeigt, streichelt er den Kater. Ich bin überrascht. «Mögen Sie Katzen?», frage ich, um das Gespräch am Laufen zu halten. Er antwortet nicht sofort, versinkt förmlich in dieser Zärtlichkeit. «Nein, ich bin eher der Hundemensch», sagt er, macht aber einen absolut gegenteiligen Eindruck. «Katzen sind mir zu selbstständig. Aber der hier … der hat Charakter, das gefällt mir.» Seine Worte klingen wie Balsam für meine Seele. Seltsam genug, aber ja, er hat Recht. Roter ist ein echter Charaktertyp. «Wenn er sich wenigstens von mir streicheln lassen würde», sage ich lachend. Dylan sieht mich an. «Echt nicht?» Und zum Kater gewandt sagt er: «Freundchen, du solltest dich ein wenig von deiner guten Seite zeigen. Sie sorgt schließlich für dich.» Roter hebt den Kopf, sieht erst ihn, dann mich an. Macht aber keine Anstalten, etwas an seinem Verhalten mir gegenüber zu ändern. «Wahrscheinlich mag er mich nicht besonders, weil ich ihn totrede», sage ich sachte lachend. Roter legt zur Antwort den Kopf schief. «Scheint so», bestätigt mir Dylan.
Aber nicht nur, dass sich mein Kater von einem Fremden streicheln lässt, nein, er klettert sogar auf Dylans Schulter und lässt sich dort genüsslich nieder. «Jetzt … bin ich beleidigt», gebe ich lachend zu. Natürlich bin ich nicht neidisch, aber ehrlich verwundert. Bisher zeigte dieser Kater keinerlei Anzeichen sich einem Menschen mehr als nötig zu nähern. Sein Schnurren, das beinahe augenblicklich eingesetzt hat, als er sich auf der Schulter meines Besuchers niedergelassen hat, ist so laut, dass ich es sogar bis zu mir höre. Es ist schön zu sehen, dass meine Katze doch kein Autist ist. Ich schenke uns Tee ein, schiebe Roter sein Schälchen mit Sahne hin, doch er ignoriert es. Er fühlt sich sichtlich wohl und auch bei Dylan kann ich keinerlei Belästigungserscheinungen erkennen. Aber weil ich in den letzten Jahren gelernt habe, dass ein schönes Gefühl nicht von Dauer ist, bin ich zurückhaltend, denn ich spüre, wie sich der Grund für Mr Arthurs wieder in den Vordergrund schieben will. Ich setze mich, will dieses Schöne noch ein wenig genießen und sehe meinem Gegenüber dabei zu, wie er sich mit meinem Kater beschäftigt. Mein Gesicht verschwindet hinter meiner Tasse und ich bin froh, denn mein glückseliges Lächeln ist – so weit ich mich daran erinnern kann – hart an der Grenze zur Degeneration. Aber es ist lange her, dass ich so lächelte, deshalb fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern.
Endlich, nach gefühlten Stunden, trennt sich Roter von Dylan, nippt gelangweilt an der Sahne und setzt sich auf den Tisch. Er sieht mich intensiv an und ich muss lächeln. Das ist nichts Neues für mich, aber nun hat der Blick etwas Besonderes, etwas, dass ich nicht beim Namen nennen kann, aber es ist einfach … so einfach herrlich. Er schließt die Augen, setzt sich in eine bequemere Position, und ich weiß, dass er es tut, damit ich mich sicherer fühle. «Interessante kleine Seele», sagt Dylan und lächelt. Scheint, dass er der Fellnase innerhalb weniger Minuten hoffnungslos verfallen ist. Dann wird er plötzlich sehr ernst. «Ich bin kein Anwalt, falls Sie das glauben», sagte er sehr vorsichtig. Ich sehe auf. «Nicht?»
«Nein», sagt er und zieht eine Grimasse. «Dazu hat’s dann doch nicht gereicht.» Es wirkt ehrlich und es bringt mich zum Lachen. «Gut, was sind Sie dann?» Dylan richtet sich auf, rückt einige Dokumente zurecht, sieht nach, dann reicht er mir eines aus dem Stapel. «Scotland Yard.» Ich ziehe eine Grimasse. «Meine letzte Handlung als Brokerin ist mehr als fünf Jahre her. Habt Ihr wirklich so lange gebraucht, dem Betrug auf die Spur zu kommen?» Er wirkt plötzlich sehr interessiert, aber ahnungslos. «Ups», sage ich, «dann hat die Reignforce International wohl die Bankenaufsicht davon überzeugen können, dass wir damals legalen Handel betrieben haben.» Dylan stützt sein Kinn auf seine Hand, seine linke findet Halt n seiner Hüfte. «Interessant», gibt er zu, in seiner Stimme höre ich ein unterdrücktes Lachen, «aber darauf kommen wir später zurück. Nein: Ich bin nicht wegen Insiderhandel hier.» Ich atme hörbar erleichtert aus, was ihn nun zu einem wirklichen Lachen bringt. «Also?», frage ich. Trotz der recht gelösten Stimmung schwitze ich stark. Ich kann den Schweiß an meinem Hals und zwischen meinen Brüsten spüren, wie er dort meinen Körper hinunterläuft. Und ich hoffe, dass er den Schweißfilm auf meiner Stirn nicht sieht. Der ist schließlich verräterisch, aber ich bin schon in die Falle eines anscheinend erfahrenen Ermittlers getappt. «Ich würde Ihnen gerne sagen, dass Sie keine Angst zu haben brauchen, aber das kann ich nicht», sage er besorgt. Seine blauen Augen schimmern in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Ist es wirklich schon so spät? Um mich abzulenken, stehe ich auf, gehe zum Küchenbuffet, auf dem die Fernbedienung für die komplette Lichtanlage im Haus liegt. Ich greife danach, betätige den Schalter und das späte Licht der Sonne, das durchs Fenster fiel, vermischt sich mit dem sanften Gelb der Küchenbeleuchtung. Als ich das Haus renovieren ließ, hatte ich viel Wert auf Licht gelegt. Unverständlich für den Elektriker, der ein waschechter Franzose war, und der es als seine Pflicht als Patriot ansah, überall dort, wo er arbeitete, Neonleuchten in all ihren Formen, zu platzieren. Mein Wunsch nach warmen Licht quittierte er auch dementsprechend Französisch: Mit einer abfälligen Grimasse.
Jetzt bin ich froh darum, mich durchgesetzt zu haben. Meine Küche wird nur an strategisch günstigen Stellen ausgeleuchtet. An meinen Arbeitsplätzen schalten sich bei Bedarf einige LED’s ein, die das Lichtkonzept im Ganzen nicht stören, sondern unterstützten. Welche Wirkung meine Ideen haben, kann ich in Dylans Gesicht sehen. Er ist beeindruckt. «Noch Tee», frage ich, damit ich das Unvermeidliche hinausschieben kann. Dylan nickt, schiebt mir seine Tasse herüber.
«Wann haben Sie das letzte Mal etwas von Ihrem Ex-Verlobten gehört?», fragt er, bedankt sich artig mit einem Nicken für den Tee, fügt Zucker und Milch hinzu, und wartet auf meine Antwort. Ich kann sie ihm nicht geben, denn da liegt ein Fehler im Informationsfluss vor. Deshalb ist meine erste Reaktion eher Unverständnis. «Ich … wir waren nie verlobt. Unter Brokern ist das verpönt.» Dylan sieht mich zweifelnd an. «Eine Verlobung», so versuche ich ihm zu erklären, «würde so etwas wie Liebe oder wenigstens Zuneigung voraussetzen. Den Entschluss nicht nur das Bett miteinander zu teilen. Unter Brokern funktioniert das nicht.» Ich sehe ihm an, dass er das nicht versteht. Und ich muss die Äußerungen, die mein Erfahrungsschatz so mit sich bringt, auf ein Minimum reduzieren, so, dass er mich versteht. «Broker stehen in ständiger Konkurrenz zueinander», beginne ich meinen, ziemlich verzweifelten Versuch, meine äußerst seltsame Beziehung zu diesem Mann zu erklären. «Auch im Bett und mehr war es nicht, dass ich mit Lewis Hunter hatte. Oder was uns vereinte, wie immer Sie das auch nennen wollen.» Dylan nimmt einen Schluck Tee. «Möchten Sie einen Keks oder so was?» Diese Frage ist ein Hilfeschrei meinerseits. Die Erinnerung an Lewis und wie er auf mein Erbe, zu dem ich ja nun wirklich nichts konnte und zu dem ich wie die Jungfrau zum Kinde kam, schnürt mir die Kehle zu.
«Ich habe heute noch nicht viel gegessen», gibt Dylan zu, «sollen wir uns was bestellen?» Ich lache und er sieht mich verständnislos an.
«Wie sind Sie hier hergekommen?»
«Mit dem Taxi», sagt er zweifelnd.
«Und wo hat der Taxifahrer Sie aussteigen lassen?»
«Oben an der Straße?» Ich nicke.
«Weiter wäre dieses abergläubische Pack auch nicht gekommen», sage ich lachend. «Egal, ob Lieferdienst, Handwerker oder nur Taxifahrer … Die halten mich für die Reinkarnation des Bösen oder zumindest irgendwas Üblem … Hier kommt keiner runter. Sie werden mit meinen Kochkünsten vorliebnehmen müssen.»
«Also auf mich machen Sie nicht den Eindruck, den Teufel im Blut zu haben», beteuert Dylan, doch mein Lachen steckt ihn an.
«Habe ich auch nicht, aber das hält die Leute nicht davon ab, mich als komisch und seltsam einzustufen und horrende Preise für Dienstleistungen – quasi als Entschädigung – dafür zu verlangen, dass sie sich in meine Nähe gewagt haben.»
Während unserem kleinen Geplänkel bin ich am Kühlschrank angelangt, um eine kleine Inventur durchzuführen. Sicher: Ich war heute einkaufen, aber nur für mich und ich fürchte, dass ich sämtliche meiner – zugestandener Maßen – geringen Fähigkeiten für mehr als eine Person, ein einigermaßen essbares Mahl zu zaubern, aktivieren muss. In meinen Beständen finden sich ein wenig Hühnchen, vorportioniert, Crème fraîche, ein paar Pilze, Tomaten und eine Flasche Weißwein. Damit sollte ich etwas zaubern können, dass einen Londoner Polizisten sattmachen kann.

Kindle Storyteller – Shortlist

Na, haben wir Autorenkinder denn auch brav dem VÖ-Termin der Shortlist entgegengefiebert?
Zum einen, um sich zu wundern, zum anderen sicherlich auch, um den Untergang der Literatur zu beschwören.
Wir sind ja schließlich auch nur egomane Voyeure.

Wie viele von uns daran gedacht haben, irgendwas aus der Schublade zu zaubern, um sich dann – wie das bei Wettbewerben so üblich ist – nicht zu entblöden, wirklich jeden seiner Fans aus dem Keller zu holen, damit man ja ein paar Stimmchen sprich Rezensionen auf dem wohl meistfrequentierten Verkaufsportal zu ergattern, um dann im Endeffekt nicht ganz in Grund und Boden zu versinken, weil man ja nur selbst der Meinung ist preiswürdig zu sein, und man ohne diese Super-Dooper-High-Class-Gefühlsauswüchse der Ultras ja schon ziemlich dämlich aussieht.
(Entschuldige, lieber Blogleser, obiger Satz hat mehrere Kommata, diverse grammatikalische Eigenheiten und insgesamt 87 Wörter. Bei Überforderung nehmen Sie bitte an einem Lesetraining in ihrer näheren Umgebung teil)

Nun ist sie also da, die Shortlist. Yeaaah.
Und prompt kommt es dicke.
Ganz dicke.
Der Hauskritiker vom literarurcafe.de hat sich zu Wort gemeldet und kein gutes an eben jenen Nominierten gelassen.
Nachzulesen hier:
Hurra wir verblöden …
Böswillig?
Mutig?
Von Neid zerfressen?
Gerechtfertigt?

Nun, kurz nach Veröffentlichung dieses Textes krochen die ersten Berufsbeleidigten bereits aus ihren Löchern und ja, sie sind empört und es wird lange dauern, bis sie sich wieder dorthin verkriechen werden, wo sie keinen stören, der nicht ihrer Meinung ist.

Als ich den Beitrag des Kollegen las, hatte ich so etwas schon erwartet. Denn hoppla: Wenn es um amazonien und seine Gefolgschaften geht, dann kann es nur hoch hergehen. Und bei der hochrangigen Amazon-Prominenz war es zu erwarten, dass kritische Stimmen in unserer Zeit nicht gesund leben, ist bekannt, traurig und aber wahr.

Aber auch etwas anderes bewegte mich, beim lesen des Rundumschlags.
Er hat Recht und ja, damit bin ich Nestbeschmutzer.
Unter dem Gesichtspunkt des Lektorats sind diese Bücher unreif, mehr als überarbeitungswürdig und nicht besonders unterhaltsam.
Und ja, mein zweiter Vorname ist Richterin Gnadenlos.
Und ja, ich gehe vollkommen konform mit dem Kollegen.
Gut, ich hätte es vielleicht ein wenig weniger bissig zerrissen, aber hey: Amüsant war und ist der Bericht trotzdem und obendrein eben nicht weniger wahr.

Nun denn:
Die Spiele sind eröffnet.

In diesem Sinne.

Mein nächstes Buch E-Literatur vom Feinsten

Nachdem ich heute den wirklich frustrierenden Bericht gelesen haben, wie „Lektoren“ ihre Autoren finden, habe ich erst einmal ein wenig geweint.

Dann habe ich mich dazu entschlossen meinem nächsten Buch folgenden Titel zu geben:
Achtung:
Jetzt geht´s los:

Als meine Kinder Flöhe hatten und der Spätaussiedler von der dritten Nebenstraße in den Keller ging, um die Nazivergangenheit des Syrienflüchtlings zu vergraben.

Geil.
Oder?

In diesem Sinne.